Risikomanagement ist kein Versicherungsschein!

Risikomanagement ist kein Versicherungsschein!

Wenn man heute einen erfahrenen Projektmanager nach dem Risikomanagement fragt, bekommt man ziemlich sicher zu hören, dass ein solches selbstverständlich betrieben wird. Die vereinzelten Projektmanager, die mit dem Wort nichts anfangen können, degradieren sich zu:

  • einem unerfahrenen Projektmanager

  • einem Projektleiter, der nie mit längeren Projekten betraut wird

oder sind in Wirklichkeit Leiter eines operativen Geschäftes, das per Definition kein Projekt ist.

Na also, alles in Butter, oder? Fast – zunächst werden im deutschen Raum mit Risiken meist nur die Bedrohungen gemeint. Deshalb bevorzuge ich persönlich eher den Begriff des Unsicherheiten-Managements – leider ein halber Zungenbrecher. Wichtig aber: die Chancen sind ebenfalls zu managen. Jeder Projektsponsor wird sich über die Mitnahme von „Low hanging fruits“ freuen…

Schwerwiegender wird es, wenn man weiter fragt, denn dann beginnt die Fassade schnell zu bröckeln:

  • Wann wurde das Dokument zum Risikomanagement das letzte Mal aktualisiert?

  • Wer ist befugt, Risiken in die Liste eintragen?

  • Wie werden Risiken in die Liste eingetragen?

  • Wer ist für die Überwachung der Indikatoren verantwortlich?

  • Sind überhaupt Indikatoren identifiziert worden?

  • Welche Maßnahmen sind ergriffen worden, die für Chancen und gegen die Bedrohungen arbeiten?

 Leider wird das Risikomanagement gerne als Versicherungsschein genutzt. Alle Bedrohungen, die den Erfolg eines Projektes verhindern könnten, werden notiert, einmal vorgestellt, dann archiviert und wenn eine Bedrohung eintritt, wird das Dokument hervorgeholt und stolz präsentiert - nach dem Motto: „Ha, ich hab es euch doch schon immer gesagt!…“ – Tolle Leistung!

Risikomanagement hat etwas mit managen zu tun und managen sollte immer mehr mit agieren als mit reagieren zu tun haben. Natürlich kenne ich das Argument, dass die Theorie schön und gut ist, doch im Tagesgeschäft dafür keine Zeit bleibt – interessanter Weise kommt das Argument immer von den Projektmanagern und Teammitgliedern, die gleichzeitig 50% ihrer Arbeitszeit damit verbringen, die Welt vor gerade eingetretenen unvorhersehbaren Ereignissen zu retten…

Aber wo ist die Grenze? Welche Risiken manage ich, welche überwache ich und welche ignoriere ich? Leider gibt es kein einfaches Regelwerk dazu. Das Risiko, dass Lieferungen wegen Schneesturm nicht pünktlich kommen, ist im Winter in den Alpen höher als im Sommer in Berlin! Der Einfluss der Erkrankung eines Mitarbeiters ist in einem Team, das nur aus unterschiedlichen Spezialisten besteht, höher als in einem homogenen Team von Generalisten (sofern alle Zugang zu den Zwischenergebnissen haben).

Der Leitfaden ist hier also einerseits der gesunde Menschenverstand und andererseits natürlich auch die Erfahrung.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein glückliches Händchen beim managen Eurer Unsicherheiten…

Viele Grüße, Markus

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